SRT 2018

SRT 2018

Sprache, Recht und Translation im Spannungsfeld gesellschaftlicher Veränderung

Der für den Sommer 2018 (31. Juli bis 4. August) anberaumte internationale Kongress Sprache, Recht und Trans­lation im Spannungsfeld gesellschaftlicher Veränderung behandelt einen aufgrund der in vielen Ländern (und darunter auch in Deutschland) tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre  hochaktuellen Themenbereich, der Fachleute dieser Forschungsfelder zusammenbringt. Familienleben hat vor allem in den westlichen Gesellschaften seit den 1960er Jahren dramatische Veränderungen erfahren, und in modernen, pluralistischen Gesellschaften ist der Kontakt mit Per­sonen, die ein Beispiel für andere Formen und einen anderen Aufbau von Familie bzw. Familien­werten darstellen, welche neben den "traditionellen" Familienmodellen existieren, eine Normalität (s. Simonnæs 2013). Wie Boele/Sverdrup (2008) überzeugend aufzeigen, durchläuft das Fa­mi­lienrecht seit drei oder vier Jahrzehnten tiefgehende Veränderungen (Neuauslegungen, An­passun­gen, Neuerungen) aufgrund der gesellschaftlichen und demographischen Verän­derungen. Da gesellschaftliche Veränderung i.d.R. ein langsamer, aber stetiger Prozess ist, hat es zudem im Falle vieler Rechtssysteme in den letzten Jahren konti­nuier­liche Weiterentwicklungen auch der entsprechenden Gesetze gegeben. Die öffentlichen Debatten werden in der Regel von Versuchen begleitet, die fachliche Sicht auf die verschiedenen Aspekte in zugänglicher, also populär­wissenschaftlich vereinfachter Weise darzulegen, um auch bisher wenig informierten Personen die Möglichkeit zu geben, sich eine Meinung zu bilden. Beispiele hierfür sind Medienberichte, die zur Aufklärung über die Reichweite von Eingriffen in die Familiengesetze etwa im Zusammenhang mit der angestrebten parlamentarischen Umdefinition der Ehe über die Hintergründe, Ziele und Auswirkungen der Änderungen informieren und dabei auch rechtssprachliche Ausdrücke oder Formulierungen in vereinfachter Form erklären, die Verbreitung von Informationsmaterial für Laien – wie die vom Eidgenössischen Amt für das Zivilstandswesen in der Schweiz herausgegebenen Merkblätter, etwa Merkblatt 151.1. über die Begründung einer eingetragenen Partnerschaft vom Juli 2014 – oder Zeitungsartikel zur so genannten Leihmutterschaft, in denen einerseits die ge­nau­en medizinischen Hintergründe dargelegt und andererseits die Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit mit den bestehenden Gesetzen diskutiert wird.

In den unterschiedlichen Rechtssystemen haben sich im Laufe der Geschichte sehr ver­schie­de­nartige – durch Naturrecht, Gesellschaftsrecht oder Religionslehre begründete und aner­kannte – Formen der Verbindung zweier Menschen ergeben. Für die Frage der "Legalisierung" bzw. "Anerkennung" oder "Schutz" von nicht heteronormativen Beziehungen hat sich aufgrund der be­achtlichen Breite an unterschiedlichen gesetzlichen Ausgangslagen eine kaum überschaubare Pluralität von neuen Rechtslagen ergeben. Für gleichgeschlechtliche Paare lassen sich die derzeitigen Rechtsformen wie folgt klassifizieren:

  • Legalität gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, Anerkennung als Ehe und Gleichstellung mit der heteronormativen Ehe
  • Legalität anderer Formen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ohne Gleichstellung mit der heteronormativen Ehe
  • Anerkennung von im In- oder Ausland geschlossenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oder Ehen
  • Keine Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften bzw. Ehen

Die grundsätzliche Anerkennung – in welcher Form und mit welchem Grad der Gleichstellung mit der heteronormativen Ehe auch immer – setzt die Legalität von Homosexualität voraus; in einem Großteil der Länder der Welt ist Homosexualität bis heute de jure unter Strafe gestellt, was auch in den Ländern, in denen de facto keine Strafverfolgung Homosexueller vorliegt, eine Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in jedweder Form unmöglich macht. In vielen Ländern wird Homosexualität mit empfindlichen Strafen geahndet, in einigen ist sie mit lebenslanger Haft und in einigen noch immer bei Todesstrafe verboten. Trotz der Entrechtung von Homosexuellen und der damit einhergehenden Unmöglichkeit registrierter gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, geschweige denn der Ehe ergibt sich auch in den Sprachen dieser Länder die Not­wendigkeit entsprechender Neologienbildung. Dies gilt zwar kaum für den internationalen Rechtsverkehr – womit "offizielle" Termini fehlen –, aber doch für die Kommunikation über die le­ga­len Möglichkeiten in anderen Ländern, und sei es nur aufgrund der (kritischen) Berichterstattung über die Verhältnisse in anderen – westlichen – Ländern in den konservativen Medien. Dasselbe Phänomen kann für die Debatten um die Adoption durch unverheiratete Personen oder durch homosexuelle Paare sowie um die Leihmutterschaft konstatiert werden. So finden wir auch in Chi­le, wo die Leihmutterschaft in der Politik noch nicht behandelt wurde, oder auch in Deutschland, wo sie illegal ist, Ausdrücke zu ihrer Benennung und Beschreibung.

Auch in Ländern, in denen diese Realitäten nicht legal sind, wird, zum Teil offen und auch in den Medien, zum Teil eher verdeckt und vor allem innerhalb der betroffenen sozialen Gruppen, über diese Fragestellungen kommuniziert, was zur Herausbildung von entsprechenden Be­zeich­nungen auch in den in diesen Ländern gesprochenen Sprachen oder Varietäten führt.

Die an einem breiten Publikum orientierte Auseinandersetzung mit den im weiteren Sinne ge­sell­schaftlichen Neuerungen in den Medien, in Foren im Internet usw. geht der juristischen Behand­lung oftmals voraus, so wie dies etwa in Deutschland im Fall der Berichterstattung über Leih­mutterschaft der Fall war. Zu beobachten – und als eines von vielen Forschungsdesiderata im hier vorgestellten Themenfeld unbedingt zu analysieren – ist in diesem Zusammenhang etwa die Herausbildung von (zum Teil mehreren, konkurrierenden) mehr oder weniger umgangs­sprach­lichen bzw. nichtfachsprachlichen Benennungen für in den jeweiligen Rechtssystemen nicht vor­ge­sehene oder noch nicht juristisch "abbildbare" Realitäten und die chronologisch gesehen nach­rangige Terminologisierung, die dann im Zuge der juristischen Aufarbeitung erfolgt.

Kenntnisse und Verständnis der rechtlichen Vorgaben und der Veränderungen, die sie derzeit in vielen Ländern praktisch kontinuierlich durchlaufen, sind für den fachsprachenlinguistischen, terminologischen oder translationsrelevanten Rechtsvergleich und die Translation selbst conditio sine qua non. Bisher sind die aufgeführten Aspekte von der Forschung in den hier zusammen­kommenden Arbeitsbereichen nur vereinzelt behandelt worden, und wenn überhaupt so oft nur anekdotisch oder, ohne Verweise auf empirische Studien, exemplarisch in Veröffentlichungen zur Harmonisierung von Rechtskulturen (s. Whittaker 2014, wo Leihmutterschaft eines mehrerer Beispiele ist) oder zur Erschließung von Bedeutung aus dem Kontext in der Übersetzung (s. Temmermann 2016: 145, 155). Nur ausnahmsweise sind sie Studienobjekt wissenschaftlicher Stu­dien, obwohl auf diese Notwendigkeit, und insbesondere die Frage der terminologischen Har­mo­ni­sierung immer dringender hingewiesen wird (s. Prieto 2012, Prieto/Guzmán 2018). Eine der raren einschlägigen wissenschaftlichen Publikationen aus den hier betroffenen Arbeits­gebieten ist die Studie von Simonnæs (2013) zum juristischen Übersetzen, in der einer der wenigen bisher in der Übersetzungswissenschaft genauer untersuchten Fälle dargestellt wird. Es geht dort um ein Entsprechungsproblem zwischen dem Norwegischen und Deutschen, da es für das im nor­we­gi­schen Recht definierte medmor (dt. wortwörtlich ‚Mitmutter’) im deutschen Recht keine Ent­spre­chung und zum Zeitpunkt der Studie mit Ko-Mutter in der deutschen Sprache nur einen Ausdruck gab, der im Kreise derer verwendet wurde, die dieses vom Staat nicht anerkannte Familienmodell lebten. Bei der Mitmutterschaft nach norwegischem Recht ersetzt die Mitmutter den juristischen Vater und wird diesem rechtlich gleichgestellt, während dieselbe Rolle der biologisch nicht mit den Kindern ihrer Partnerin verwandten Frau, die wie die leibliche Mutter die Rolle als Bezugsperson der Kinder und die Verantwortlichkeit der Elternrolle übernimmt, im deutschen Rechtssystem nicht definiert ist und somit keine Eins-zu-Eins-Entsprechung existiert. In offiziellen Übersetzungen von Personenstandsurkunden wird in diesen Fällen derzeit noch mit Zusätzen wie nach norwegischem Recht gearbeitet (s. Simonnæs 2013). In der Übersetzung wird eine Nachbildung des nor­we­gi­schen Ausdrucks mit den Mitteln der deutschen Sprache – Mitmutter (nach norwegischem Recht) – vorgezogen, um den im Deutschen rechtlich eben nicht definierten Ausdruck Ko-Mutter nicht in einem Kontext zu gebrauchen, in dem im Deutschen die Existenz einer staatlich anerkannten Figur einer zweiten weiblichen, erziehungsberechtigten Person im Leben eines Kindes abzubilden.

In der Übersetzungswissenschaft wird diesbezüglich auf der Grundlage der Rechtswirkung eine wesentliche Unterscheidung zwischen zwei Klassen von Übersetzungen gemacht:

  • Fälle, bei denen die Übersetzung die gleiche Rechtswirkung wie das Original entfaltet (prototypisch in bilingualen und multilingualen Jurisdiktionen, etwa in der Schweiz)
  • Fälle von Übersetzungen – in der Regel in einer monolingualen Jurisdiktion –, in denen die Übersetzung keine Rechtswirkung entfaltet und eher zu informativem denn zu normativem Zweck eingesetzt wird (Cao 2007: 103).

Auf die fachsprachliche Terminologisierung kann eine Annäherung der nichtfachsprachlichen Formen an die fachsprachliche Form, ein Ersatz der existierenden nicht fachsprachlichen Formen durch die fachsprachlichen Termini oder zur Etablierung eines Verhältnisses von Dubletten zwi­schen Fach- und Nichtfachsprache kommen (s. Bernal/Sinner/Emsel 2014). Der Blick auf die in verschiedenen Kontexten verwendeten Ausdrücke zeigt zudem, dass die vor der Termino­lo­gi­sie­rung zirkulierenden Ausdrücke vielfach durch Lehnübersetzungen aus wichtigen Mittlersprachen entstehen; dass es meist US-Amerikanismen zu sein scheinen, dürfte auf die – im internationalen Vergleich äußerst fortschrittliche – Gesetzeslage einiger US-amerikanischer Bundesstaaten wie Kalifornien oder Maryland zurückzuführen sein.

Im Zentrum der Tagung stehen einerseits die rechtlichen Veränderungen im Zuge der bzw. aufgrund der gesellschaftlichen Emanzipation und der zunehmenden Gleichstellung alternativer Modelle der Partnerschaft sowie der Familienplanung oder -organisation in den letzten beiden Jahrzehnten und andererseits die Auswirkungen auf Neologie und damit Terminologie, Fach­sprache und Translation (vor allem Übersetzung im internationalen Rechtsverkehr). Von beson­de­rem Interesse und Relevanz ist die Auseinandersetzung mit Realitäten wie beispielsweise

  •  "nicht-heteronormative" Lebenspartnerschaften;
  • die oben beschriebene "Ko-Mutterschaft" oder "Ko-Vaterschaft"
  • Anpassungen des Adoptionsrechtes an den sich verändernden Status "nicht-heteronormative" Lebenspartnerschaften;
  • Leihmutterschaft.

In all diesen Fällen ist neben der juristischen Perspektive, die sich in Terminologie und auf fach­sprachlicher Ebene auswirkt, auch die Art, wie in Informationsmedien und populär­wissen­schaft­lichen Publikationen darüber berichtet wird, von Bedeutung für ein Verständnis des terminolo­gischen Gefüges. So wurde in vielen Ländern sehr polemisch über die Gleichstellung von ein­ge­tragenen Partnerschaften mit der "traditionellen" Ehe debattiert, in manchen Ländern wie Brasilien und Chile etwa v. a. aufgrund religiöser und ideologischer Bedenken von Teilen der Bevölkerung, in anderen Ländern, darunter auch Deutschland, aufgrund von zudem auch wirtschaftlich moti­vier­ten Bedenken mancher der politischen Verantwortlichen.

Nicht vorrangig wissenschaftlich orientierte Konferenzen wie das am 20. Januar 2018 in Frank­furt/M. abgehaltene Symposium Öffnung der Ehe – Folgen für alle (s. Symposium 2018) zeigen, wie aktuell das Thema auch in Deutschland derzeit ist, denn auch seit nach jahrelanger Blockade durch eine der Regierungsparteien im Herbst 2017 vom deutschen Parlament eben diese Öffnung der Ehe für homosexuelle Partnerschaften beschlossen wurde, sind die öffentlichen Debatten zu diesem Thema nicht etwa seltener, sondern hinsichtlich einiger der gesellschaftlichen Folgen dieser Öffnung sogar noch lebhafter geworden.

Thematisch organisierte Sektionen behandeln die Schnittfläche von Rechtsvergleich und (Fach)Sprachenvergleich, Terminologie (wie Herausbildung alltagssprachlicher Benennungen und nachfolgende Etablierung rechtssprachlicher Termini), Realitäten der fachsprachlichen und popu­lär­­wissenschaftlichen Darstellung und Konsequenzen dieser Texte und der mit ihnen ein­her­gehen­den Neologismenbildung für die Translation im internationalen Rechtsverkehr. Ein­schlä­gig aus­ge­wiesene WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen wie Rechtslinguistik, Politik­wissen­schaft und Übersetzungswissenschaft werden in diesen Sektionen zusammen­ar­beiten, um ge­mein­sam aktuelle Fragestellungen der Schnittstellen ihrer Arbeitsgebiete zu be­han­deln. Sie alle sollen auf diesem Kongress ein Forum für den interdisziplinären Austausch und Debatte finden.

Schwerpunkt ist der spanisch- und deutschsprachige Raum und der Rechtsverkehr zwischen diesen und anderen Ländern. Kongresssprachen sind Deutsch, Spanisch und Eng­lisch. 

Programm

Ort / Lugar
Kongressbüro / Secretaría del congreso: Neues Seminargebäude (Universitätsstraße 1-5)
Vorträge und Workshops / Conferencias y talleres: Neues Seminargebäude (Universitätsstraße 1-5) + Hörsaalgebäude

Dienstag, 31. Juli 2018

Anreise

ab 16.00 UhrEinschreibung der Vortragenden
19.00 UhrEröffnung (nicht öffentlicher Rahmen)

 Mittwoch, 1. August 2018

ganztägigThematische Workshops in Arbeitsgruppen (nicht öffentlich)
Talleres temáticos en grupos de trabajo
17.00 UhrRundgang durch Leipzig / visita guiada por Leipzig
Treffpunkt: Eingang NSG Universitätsstraße 1-5 / punto de encuentro: entrada del NSG, Universitätsstraße 1-5

Donnerstag, 2. August 2018   Neues Seminargebäude

ab 8.30 Uhr(Kongressbüro im NSG) Einschreibung für nicht angemeldete Personen
9.00 UhrCarsten Sinner (Universität Leipzig)
Einführung
9.30 UhrConstanza Gerding Salas (Universidad de Concepción)
Neología léxica y comunicación en tiempos de cambios societales
10.00 UhrMario Helm (Universidad de Concepción)
"Matrimonio Igualitario in Chile – Auf dem Weg in die neue Gesellschaft?"
10.20 UhrKaffeepause
10.45 Uhr Yvette Bürki (Universität Bern)
Sobre vientre de alquiler en el contexto peruano. Denominaciones, usos e ideología
11.05 UhrYamila Sevilla (Universidad de Buenos Aires)
Les diputades indecises. El género en disputa
11.30 UhrIván Herr (Buenos Aires)
Luchas de género en Argentina: una reflexión histórica desde el lenguaje
11.55 UhrGinette Castro (Universidad Católica de Temuco)
 Evolución del lenguaje no disciminatorio. Mirada desde el uso y la legislación
12.30 UhrMittagspause
15.00 UhrGuillermo Toscano y García (Universidad de Buenos Aires)
Un poco de amor judío. Palabras de amor en la tradición filológica
15.35 Uhr Susy Gruss (Salti Centre, Universität Bar Ilan, Tel Aviv)
Las bodas sefardíes, algunos usos y costumbres
16.00 UhrKaffeepause
16.20 Uhr Orlene Carvalho (Universidade de Brasília)
A família em livros didáticos de português brasileiro para estrangeiros
16.45 UhrChristian Bahr / Pamela Padilla (Guadalajara)
Cambios societales recientes: la mirada desde la traducción
17.15 UhrDebatte / Debate

Freitag, 3. August 2018

ganztägigThematische Workshops in Arbeitsgruppen (nicht öffentlich)
Talleres temáticos en grupos de trabajo

Samstag, 4. August 2018 (nur nach vorheriger Anmeldung)
Teilnahme an der Umwandlung einer eingetragenen Partnerschaft in eine Ehe

Abreise

Die Veranstaltung wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

letzte Änderung: 27.07.2018