Themenbereiche

Industrie 4.0 – Internet 4.0: Translation 4.0?

Veränderung der Forschungsparadigmen, Linguistic (Re)Turn und Verschränkung von Ansätzen in der Translationswissenschaft

Nach einer Jahrzehnte währenden Abkehr von linguistischen Herangehensweisen an Translation sind in den letzten Jahren die Stimmen lauter geworden, die eine stärkere Berücksichtigung linguistischer Fragestellungen, Modelle und Lösungsansätze fordern (s. etwa House 2013 oder Sinner/Hernández/Hernández 2014 und die dort angegebenen Literaturverweise).

Auch die bis in jüngere Zeit zu konstatierende weitgehende Trennung von  kognitionswissenschaftlichen oder psycholinguistischen Zugängen und eher soziologischen Herangehensweisen in der Translatologie andererseits wird nun langsam durch interdisziplinäre und methodenverschränkende Ansätze abgelöst. Zu den aktuellen Tendenzen der Verknüpfung unterschiedlicher Bereiche gehören die Auseinandersetzung mit Fragen nach der Relation zwischen Mensch und Computer und der sich dadurch wandelnden Rolle der TranslatorInnen und der sich verändernden Einbindung der Akteure in den Translationsprozess. Insbesondere geht es in diesem Zusammenhang auch um die sich stetig verändernden technischen Möglichkeiten (Computer-assistierte Übersetzungswerkzeuge, verbesserte Diktierfunktionen bzw. Spracherkennung usw.), die den Arbeitsalltag der ÜbersetzerInnen permanent beeinflussen und die in diesem Arbeitsbereich Tätigen mehr als in der Vergangenheit zu ständigen Anpassungen und Weiterbildung zwingen. Durch die sich immer stärker diversifizierenden Möglichkeiten (oder, je nach Sicht, Zwänge) der Spezialisierung wird das Berufsbild der in der Branche Tätigen immer uneinheitlicher. Dies wirkt sich unmittelbar auf die Möglichkeit der Berücksichtigung neuer Technologien und neuer Arbeitsweisen in die universitäre Berufsausbildung im Bereich der Translation aus, auch dahingehend, dass durch die große Diversifizierung bei gleichzeitig vom Umfang her nicht ausdehnbare (oder gar gegenüber der Vergangenheit bereits eingeschränkte) Ausbildungszeiten auch die Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit den einzelnen Technologien oder Arbeitsabläufen in der Lehre vielfach auf wenige wesentliche Aspekte beschränkt bleiben muss.

Das steigende Interesse an prozessorientierten Zugängen zur Übersetzung spiegelt sich in der Frage nach Aspekten wie dem Interface zwischen den kognitiven und situationellen Ebenen wie etwa nach der Übersetzung als dynamisches System, der Kooperation von ÜbersetzerInnen und den EntwicklerInnen von spezifischen Werkzeugen bzw. Software, der Rolle ergonomischer Faktoren, der Revision als Teil des Workflows oder den Auswirkungen von neuen Werkzeugen und Technologien auf Produktivität.

Audiovisuelle Translation

Im Bereich der Translation im audiovisuellen Bereich – Synchronisierung, Untertitelung, Voice-over, Audiodeskription und dergleichen – stellt sich insbesondere angesichts des rasant steigenden Übersetzungsbedarfes, der sich permanent entwickelnden technischen Möglichkeiten und der parallel hierzu immer weiter zunehmenden Personalisierung der Arbeitsmittel und Spezialisierung der Tätigkeitsprofile die Frage nach der Veränderung der Translationsprozesse und der Rolle der TranslatorInnen, nach den Möglichkeiten der Verzahnung von Praxis und Ausbildung und nach den zukünftig zu erwartenden Herausforderungen. Wie im Bereich der Dolmetschwissenschaft (s. u.) ergibt sich in diesem Bereich auch ein steigendes Interesse an der nicht beruflich (wohl aber oft sehr professionell) ausgeübten Übersetzung, der in einigen Bereichen zunehmend Bedeutung zukommt (s. etwa die aktuellen Entwicklungen v. a. im Bereich der Neuen Medien, wie an Schlagwörtern wie Crowdtranslation oder Fantranslation abzulesen ist, und den Dynamiken im Hinblick auf das Gefüge von Translation und Adaptierung). Die kulturellen, sozialen und technologischen Veränderungen der letzten Jahre, insbesondere im Zuge der Globalisierung und Digitalisierung, haben neue Bedürfnisse geschaffen, deren Auswirkungen auf die Translation zu untersuchen sind. Besondere Aufmerksamkeit kommt dabei Fragestellungen wie der Rolle und Art der audiovisuellen Translation in polyzentrischen Sprachen (wie etwa die mehrfache Synchronisation oder Untertitelung in unterschiedlichen Ländern der Franko- oder Hispanophonie), der Frage der Barrierefreiheit (Audiodeskription), den Auswirkungen der technologischen Innovationen und dem Umgang mit der fingierten Oralität zu. Ebenfalls relevant sind in diesem Kontext die Überschneidungen mit den Studien zur intersemiotischen Translation bzw. Adaptation.

Globalisierung, Lokalisierung, Post-Edition, maschinelle Übersetzung und korpusbasierte Übersetzungswissenschaft

Die im Umfang seit Jahren stetig wachsende Lokalisierung im Zusammenhang und ihre Rolle im Spannungsfeld der Globalisierung bzw. Internationalisierung der Translation hat die Translationsbranche und im Anschluss die Translationsforschung in den letzten Jahren sehr beeinflusst und verändert. Erst seit kurzem setzt man sich mit den technologischen und sozioökonomischen Kontexten der Lokalisierungsleistung auseinander und analysiert auch, inwiefern und wie die digitale Revolution das übersetzerische Berufsbild verändern wird bzw, schon verändert und die Zukunft des Übersetzens und damit im Anschluss auch die Ausbildung von ÜbersetzerInnen transformieren wird. Dabei geht auch um Aspekte, die in die Qualitätsforschung reichen, etwa das Problem der für die Nutzer auffälligen erzwungenen Normverstöße, die entstehen können, wenn ÜbersetzerInnen aufgrund der Entstehungszusammenhänge der Programmierungen sozusagen die Kontrolle über das Translat verlieren (s. Behrens 2016). Eng verwoben mit der Frage der Lokalisierung ist die maschinelle Übersetzung und die Post-Edition, die insbesondere im Falle der maschinellen Übersetzung zunehmend von Bedeutung für die Übersetzungspraxis ist. Die maschinelle Übersetzung und Online-Resourcen zur Übersetzung erobern stetig neue Domänen und konkurriert in manchen Nutzungsbereichen bereits deutlich mit der Humanübersetzung bzw, ist mit ihr zum Teil wesentlich stärker verzahnt, als dies in der Vergangenheit für möglich gehalten wurde. Dringender Forschunsgbedarf besteht insbesondere im Hinblick auf die Veränderungen der Arbeitsprozesse und der Bedeutung dieser Revolution der Übersetzungspraxis für die Entstehung der Translate und ihre Perzeption durch die jeweiligen Nutzer.

Eng mit der Frage nach maschineller Übersetzung und Lokalisierung verknüpft ist die Frage nach der Erforschung der Translate im Rahmen der korpusbasierten Übersetzungswissenschaft. Neben der Berücksichtigung von Original- und Zieltexten in die Korpora ist auch der Einschluss von verschiedenen Zwischenstufen der Korrektur und Überarbeitung sowie neben den in der Translationswissenschaft fast immer analysierten druckreifen Endprodukten auch die Berücksichtigung von Rohübersetzungen, Arbeitsübersetzungen, Informationsübersetzungen usw. erforderlich, um Rückschlüsse auch auf den Elaborationsprozess, die Rolle der einzelnen Handelnden und die nicht mit der Übersetzung selbst zusammenhängenden Bearbeitungsschritte zu bekommen. Somit verknüpft dieser Ansatz auch prozessorientierte Forschung und die Herangehensweisen aus der Perspektive der Handlungstheorien. Zudem geht es in diesem Zusammenhang auch um die Möglichkeit der Analyse der Sichtbarkeit bzw. Präsenz der TranslatorInnen auf Grundlage von Untersuchungen von Massendaten (big data).

Aktuelle Tendenzen der Dolmetschforschung zwischen kognitiver Linguistik und sozialwissenschaftlichen Ansätzen

Auch in der Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Dolmetschen ist eine starke Bifurkation bzw Trennung zwischen kognitions- und psycholinguistischen Ansätzen einerseits und eher soziologisch ausgerichteten Herangehensweisen andererseits zu konstatieren, die sich erst in jüngerer Zeit etwas annähern. Die v. a. kognitionswissenschaftlich und psycholinguistisch ausgerichteten Herangehensweisen mit ihrer starken Orientierung auf mentale Prozesse beschäftigen sich mit dem im engeren Sinne „professionellen“ Dolmetschen – v. a. Konferenz- bzw. Simultandolmetschen –, während die Arbeiten aus eher soziologischen Perspektiven sich mit Aspekten wie Handlungseinbindung, Beteiligtenkonstellationen, Situationsdeterminierung, ethischen Fragen, der Inklusion oder Exklusion auseinandersetzen und dabei vor allem die je nach theoretischer Ausrichtung als Community Interpreting, Public Service Interpreting, Mediation usw. bezeichneten, in den meisten Ländern aber nicht professionalisierten Dolmetschaktivitäten stärker fokussieren.

Auf der LICTRA soll die Auseinanderentwicklung der verschiedenen Richtungen thematisiert werden und den unterschiedlichen Tendenzen der aktuellen Ansätze Raum gegeben werden. Einerseits soll dieses Panel zu einer Bestandsaufnahme der wesentlichen Forschung und einer Zusammenführung unterschiedlicher Forschungsausrichtungen beitragen, andererseits aber soll versucht werden, der in den Publikationen derzeit quantitativ vorherrschenden Forschung zu – gewissermaßen „Modethemen“ darstellenden – Setting- und Handlungsanalysen eine dezidierte Ausrichtung auf vielerorts bisher nicht oder eher peripher berücksichtigte Auseinandersetzung mit neuen und innovativen Arbeiten mit dolmetschwissenschaftlichen Forschungsmethoden etwa im Bereich der Hirnforschung sowie die nur selten empirisch untersuchten Fragen nach den Auswirkungen der Einführung neuer Technologien für DolmetscherInnen und nach aktuellen Tendenzen in der Dolmetschausbildung und insbesondere der Ausbildung der AusbilderInnen entgegenzusetzen.

Kognitive Prozesse beim Dolmetschen sind zwar schon seit längerer Zeit ein Thema der Dolmetschwissenschaft. Die meisten Arbeiten in diesem Bereich sind jedoch eher intuitiver Natur und es gibt bisher nur wenige experimentelle Studien, bei denen mit Hilfe moderner Technologien wie EEG, fMRI oder mit aus der Psycholinguistik bekannten Methoden wie Eye-Tracking neue Kenntnisse erlangt oder Theorien bestätigt oder widerlegt werden. Interessante Querverbindungen und Lösungsansätze ergeben sich hier für eine ganze Reihe bisher nur isoliert oder nur peripher betrachtete Bereiche, so etwa die Frage nach den Divergenzen zwischen der Performanz und den Hirnprozessen beim Dolmetschen in die Muttersprache (A-Sprache) und in die Fremdsprache(n) (B-Sprache(n)) oder zwischen verschiedenen B-Sprachen.

Korpusbasierte Dolmetschforschung

Besondere Aufmerksamkeit soll der korpusbasierten Dolmetschforschung zukommen. Korpusbasierte Untersuchungen zur gesprochenen Sprache sind auch zwei Jahrzehnte nach den ersten Anwendungen der Korpuslinguistik in der Translatologie weniger weit entwickelt als die entsprechenden Arbeiten zur geschriebenen Sprache, was insbesondere mit der sehr zeit- und resourcenaufwändigen Arbeit der Datensammlung und Transkription zu tun hat, und in besonderer Weise gilt dies für die Dolmetschforschung, da in diesem Bereich die Sammlung authentischer Daten u. a. aufgrund rechtlicher Probleme sehr schwierig ist (s. Bendazzoli/Sandrelli 2009, Pöchhacker 2008). Sehr wichtig ist daher die Forschungskooperation mit den sowohl in Praxis als auch in der translatologischen Forschung tätigen DolmetscherInnen (so genannte practisearchers) (s. Bendazzoli/Sandrelli 2009).

Gebärdensprachdolmetschen

Ein in translationswissenschaftlichen Studien noch immer meist ausgeklammerter Bereich ist das Gebärdendolmetschen. Die Forschung hierzu betrachtet aktuell neben den mit dem „klassischen“ Dolmetschen überlappenden Fragestellungen spezifischere Aspekte, darunter auch ethische Fragen, etwa der Inklusion bzw. Exklusion, sowie die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Anwendungsdomänen des Gebärdendolmetschens, da sich durch ständig neue Innovationen technischer Art auch die damit verbundenen Möglichkeiten der Digitalisierung auch der Umgebung der Gehörlosen ständig erweitern.

Bedeutungsrelationen zwischen Ausgangs- und Zieltext

Die Rolle der Bedeutung in Ausgangs- und Zieltext sowie die Frage nach Erhalt oder Verlust von Bedeutungen im Translationsprozess stellen seit ihren Anfängen wesentliche Untersuchungsbereiche der Translatologie dar. Die Forschung hat sich immer wieder damit beschäftigt, ob Bedeutungen und Bedeutungsrelationen in Übersetzungen „korrekt“, „umfassend“, „vollständig“  usw. „abgebildet“, „erhalten“,  „neu konstruiert“ usw. werden können, welche verschiedenen – etwa denotative, konnotative, pragmatische – Bedeutungsebenen priorisiert werden oder zu priorisieren sind, ob der Verlust von semantischem Gehalt überhaupt vermeidbar ist und wie Verluste kompensiert werden. Ein anderer wesentlicher eng damit verbundener Aspekt ist die Bewertung der semantischen Relationen zwischen Ausgangs- und Zieltext, etwa im Hinblick auf eine vermeintliche Qualitätseinbuße des Zieltextes gegenüber dem Ausgangstext oder durch die jeweils eingenommene Sicht hinsichtlich der Position der Übersetzung gegenüber dem Original („Kopie“, „Rewriting“, „Kreation“ usw.), die derzeit in den hermeneutischen und dekonstruktivistischen Ansätzen kontrovers diskutiert werden. Auch die Frage nach der Auswirkung von Translation auf die Rezeption oder Perzeption des Originals werden in diesem Kontext diskutiert (s. Szlamowicz 2011, zur historischen Sicht Mossop 1983). Durch die rasante Entwicklung der digitalen Möglichkeiten, durch die sich stetig erweiternden Möglichkeiten der Korpuslinguistik, durch neue Einblicke in die Konstitution von Bedeutung und die Rolle der Kognition, aufgrund neuer diskursanalytische Zugänge und schließlich der Erkenntnis, dass Perzeption eine größere Rolle in der Translatologie spielen muss (cf. Sinner/Morales 2015), sind als „klassisch“ geltende Standpunkte (cf. Cronin 2012) zu über¬prüfen und Ansätze zu justieren und beispielsweise bereits etablierte Herangehensweisen, wie die immer häufiger praktizierte Arbeit mit dem Eye-tracking (s. auch Abschnitt 4, weiter unten), mit den sich verändernden Prämissen abzugleichen.

Phraseologie in der fachlichen Translation; Phraseologie und Variation

Kontinuierlich rückt die Phraseologie aus dem Schatten der Lexikologie und Lexikographie heraus und etabliert sich als wichtiger Teilbereich auch der tanslatologischen Forschung. Zunehmend wird die Relevanz der translatologischen Forschung in der Fachtextlinguistik, Fachübersetzung und Fachdolmetschen anerkannt. Insbesondere in translatologisch extrem wichtigen Domänen wie dem internationalen Rechtsverkehr stellt sich die Forschung zur Phraseologie angesichts der mit den technischen Veränderungen stetig verbessernden Recherche- und Analysemöglichkeiten als besonders vielversprechender Arbeitsbereich dar. Die zunehmende internationale Integration, sei es auf einzelne Kontinente beschränkte Internationalisierung oder weltweit wirkende Globalisierung, hat wesentliche Konsequenzen für den Umgang mit den fachlichen Bezeichnungen, da beispielsweise weltweiter Handel, internationaler Rechtsverkehr und globale kulturelle oder idiologische Tendenzen zu einer Vereinheitlichung der verwendeten Bezeichnungen oder zumindest zu einem Versuch der Vereinfachung der Kommunikation durch Abgleichung und Anpassungen der Bezeichnungen führen. In vielen Wissensbereichen betrifft dies in wesentlicher Form oberhalb der Ebene der einfachen Lexeme angesiedelte Ausdrucksebenen: Funktionsverbgefüge bzw. Kollokationen und insbesondere Phraseologismen, wie ein Blick in die Debatten etwa um Variation der Rechtsprache im internationalen Rechtsverkehr in plurizentrischen Sprachen und in der Übersetzung oder auf terminologische Aspekte der Rechtsprachen plurizentrischer Sprachen allgemein zeigt (s. Sinner 2014: 271–272, Tabares/Ivanova 2009).

Das Problem der Ermittlung von Qualität in der Translation – Bewertung, Korrektur und Kritik als Problem

Seit einiger Zeit wird dank der Möglichkeiten des Internets und der Digitalisierung der Beitrag der Laienübersetzung und der Laienübersetzungskritik an der Übersetzungskultur immer sichtbarer. Mit den Möglichkeiten, sich in oftmals als anonym oder weitgehend anonym wahrgenommenen Crowds an Übersetzungsprojekten zu beteiligen, existierende Übersetzungen zu korrigieren oder im Übersetzungsprozess Verbesserungen einzubringen, verändert sich offenbar auch die Sicht auf Übersetzung. Hat man bisher allerdings schon relativ viel zu Aspekten wie beispielsweise der Motivation der an der Übersetzung freier Software beteiligten Personen und die ideologischen Hintergründe – etwa Zugänglichbarmachung von Software z. B. zum Zwecke Demokratisierung des Wissens – erfahren (s. etwa Seiler (2013), so fehlen jedoch tiefer gehende Studien über die Sicht auf Übersetzung und das Verständnis von Qualität in diesen virtuellen „Gemeinschaften“ oder Gruppierungen. Für die Translatlogie, die sich vor allem mit der Arbeit professioneller Translotologen, zum Teil auch der weniger professionell arbeitender Literaturübersetzer, beschäftigt hat, stellen die Dynamiken und möglicherweise Regelmäßigkeiten dieser nicht professionellen Übersetzungskulturen ein noch weitgehend unbearbeitetes Feld dar. Die Bedeutung dieser Abläufe ist aber von steigender Bedeutung und zunehmendem Interesse auf für die allgemeine Translatologie, beispielsweise aufgrund der (v. a. quantitativ) zunehmenden Bedeutung dieser Übersetzungen und der allmählichen Perfektionierung einzelner Prozesse auch in diesem Laienumfeld sowie angesichts der zunehmenden Nutzung des Crowd-Systems auch in als anspruchsvoller oder seriöser (als z. B. Fan Translation oder  -untertitelung von Filmen oder von Videospielen) angesehenen Kontexten. Auch der Frage des mehr oder weniger qualifizierten Feedbacks und der Möglichkeit der Berücksichtigung von Nutzerfeedback für die Textverbesserung spielt hier eine wesentliche Rolle.

Ideologie, Macht, Konflikt und Translation

Praktisch alle Bereiche der Translationswissenschaft sind heute verschränkt zu betrachten mit den Perspektiven der vor allem aus den postkolonialistischen Ansätzen stammenden Analyse von sozialen Hierarchien bzw. Machtasymmetrien, wobei neben Fragen etwa nach der Zugänglichkeit bzw. der (auch in ihrer sozialen Dimension verstandenen) Barrierefreiheit, nach der Zensur, Lenkung und Indoktrinierung, zur Funktion der als politisch korrekt verstandenen Sprache und der Evolution der Geschlechterrollen in der Translation immer auch die Rolle der Translation für diese Domänen zu untersuchen oder zu berücksichtigen ist. In den letzten Jahren sind Arbeiten zu historischen Aspekten der Bedeutung von Translation für ideologische Debatten, politische Entwicklungen, historische Machtgefüge oder gar im Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen immer stärker ins Augenmerk der Translatologie genommen worden, erleichtert auch durch die zunehmende Zugänglichmachung bzw. Nutzbarkeit historischer Texte für quellen- bzw. korpusbasierte translatologische Fragestellungen. Die Beschäftigung mit ideologischen Fragen und der Translation in Konfliktsituationen ist in der öffentlichen Wahrnehmung aktuell in besonderer Weise mit der Flüchtlingskrise verknüpft; tatsächlich ist im 21. Jahrhundert die Arbeit mancher TranslatorInnen, vor allem von DolmetscherInnen, stark durch die humanitären Krisen beeinflusst. Damit ergeben sich thematisch weit gefächterte Debatten zur Translation „in humanitären Kontexten“ (s. hierzu etwa das Symposium zu „Interpreter Training and Humanitarian Interpreting“ an der Monash University im April 2016), die derzeit aber vor allem dadurch geprägt zu sein scheint, dass verstärkt über die Bedingungen des so genannten Community Interpreting – das bisher vielerorts noch nicht professionalisiert, reglementiert oder gar staatlich koordiniert und finanziert wird – debattiert wird und über die Abgrenzung zu anderen Dolmetscharten diskutiert wird. Gerade in diesem Zusammenhang werden zunehmend berufsethische Fragen in den Mittelpunkt der Debatten gerückt. Hierbei wird oft jedoch nicht ausreichend berücksichtigt, dass die in diesen Kontexten zu findenen Dolmetschaktivitäten weltweit überwiegend von nicht hierfür ausgebildeten und oft nicht wie staatlich zertifizierte DolmetscherInnen oder ÜbersetzerInnen bezahlten „Sprach- und Kulturmittlern“ ausgeführt werden und dass die Zertifizierung und staatlich geregelte Entlohnung von im Bereich des Community Interpreting tätigen SprachmittlerInnen wie etwa in Australien die völlige Ausnahme sind. Es wird somit auch deutlich, dass diese Debatten auch im Zusammenhang mit der Frage der Abgrenzung zu anderen Dolmetsch- und Übersetzungsdienstleistern zu sehen ist, wie etwa die Debatten um die Berufsbezeichnungen und der Gebrauch euphemistischer Ausdrücke wie KulturmittlerIn zeigt.

Im Zusammenhang mit der Frage nach Macht und Hegemonien ist in den letzten Jahren  die (Un)Sichtbarkeit / „(in)visibility“ des Übersetzens v. a. in den angelsächsischen translation studies prominent behandeltes Thema. Dank Arbeiten wie den viel rezipierten Arbeiten Venutis (1999, 2008), der unterschiedliche wissenschaftliche Positionen zu dieser Frage zusammenträgt, sind die politische Dimension des Übersetzens, die Machtverhältnisse in der Praxis des performativen Kulturkontakts sowie die kulturgeschichtlichen Hintergründe der „invisibility“ des übersetzenden Subjekts zu einem innovativen Feld der Übersetzungsforschung geworden. Zugleich wird die dort vorgeschlagene „Übersetzungspolitik“ der „foreignization“ des Textes und des „übersetzerzentrierten“ Übersetzungsansatzes allerdings kritisch hinterfragt (Pym 2006, Muskja 2013, Prunč 32012: 265ff.). Vor diesem Hintergrund sollen in einem an diese Sektion angeschlossenen Workshop unter Leitung von Belén Santana (Universidad de Salamanca, Spanien) neue übersetzungswissenschaftliche, erzähltheoretische und soziologische Ansätze zur Analyse der Sichtbarkeit der ÜbersetzerInnen und des Übersetzens diskutiert werden.

Workshop: Übersetzung von Eigennamen

Seit den Veröffentlichungen verschiedener Mitglieder der Leipziger Übersetzungswissenschaftlichen Schule – etwa von Gert und Sonja Jäger 1968 und 1969 oder von Albrecht Neubert 1973 – ist der Problemkreis der Wiedergabe von Namen in der Übersetzung in der Forschung nur hin und wieder aufgegriffen worden. Eine umfassende, alle relevanten Fakten berücksichtigende interdisziplinäre Forschung fehlt bis heute. Die geplante Arbeitsgruppe zu Namen in der Translation soll dem dringend notwendigen Austausch der mit dieser Problematik konfrontierten WissenschaftlerInnen in Namen- und Übersetzungsforschung ebenso wie der in ihrer praktischen Übersetzungstätigkeit tagtäglich damit konfrontierten Personenkreise befördern.

Eigens für Namenverwendungsfragen wurde 1960 eine Sachverständigengruppe der UNO gegründet, die United Nations Group of Experts on Geographical Names (UNGEGN). Diese ist seither bemüht, der sich rasant entwickelnden internationalen Kommunikation geeignete international standardisierte Namenformen zu bieten und dabei den Gebrauch von Exonymen – also den Fremdbezeichnungen für Orte – einzuschränken. Die geschieht in dem Bewusstsein, dass die damit verbundene Standardisierung auch einen Verlust der historisch gewachsenen Namenformen in verschiedenen Sprachen – etwa deutsch Peking für chinesisch 北京 [pei˨˩tɕiŋ˥] –, die wichtige Sprach- und Geschichtszeugen sind, darstellt. Es stellt sich damit also zugleich die Frage, wie Namen als immaterielles Kulturerbe auch zu bewahren sind. Als Reaktion auf dieses Problem wurde aber – auch auf Betreiben der UNESCO, die ein inzwischen von rund 150 Staaten ratifiziertes Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes iniitierte – 2004 eine Arbeitsgruppe zu Geographical Names as Cultural Heritage gegründet.

Die korrespondierende Einrichtung der UNGEGN für die deutschsprachigen Länder ist der Ständige Ausschuss für geographische Namen (StAGN), in dem sich u. a. GeographInnen, KartographInnen und linguistische Fachleute mit dem Thema auseinandersetzen.

Mit Blick auf die Ortsnamen zeigt sich, dass Namenverwendung (in der einen oder anderen Sprachform) auch ein Konfliktpotential mit sich bringt, welches dem Thema auch eine ideologische bzw. politische Dimension verleiht. Relevant ist dies etwa in all den Regionen, in denen wechselnde Namenformen auch für politische Bestrebungen nach Unabhängigkeit stehen oder wo sie veränderte sprachpolitische Umstände charakterisieren und Ausdruck von stärkerer Autonomie sind. Beispiele hierfür sind die Rückkehr zu galicischen, katalanischen und baskischen Ortsnamenamen seit den 1980er Jahren in Spanien, der veränderte Umgang mit der Ausschilderung in Österreich (kroatische, ungarische bzw. slowenische Namen in der Steiermark und im Burgenland) oder die Änderung offizieller Ortsnamen in Südtirol in verschiedenen Momenten der Geschichte.

Nicht nur bei der Übersetzung von Sachtexten, sondern auch bei Übersetzung von fiktionalen Texten müssen daher ggf. Exonymenlisten bzw. Listen offizieller Namen konsultiert werden. Abgesehen von den Fällen, wo Namen ausgelassen oder Orte eines Landes durch Orte eines anderen Landes ersetzt werden, beispielsweise um bei fiktionaler Literatur bestimmte Assoziationen bei den LeserInnen zu gewährleisten, stellt sich immer wieder die Frage nach der Wahl der angemessenen Form insbesondere mehrsprachiger Ortsnamen.

Berücksichtigt werden müssen auch andere geographische Namen, also zum Beispiel Staatennamen, Ländernamen, Gebietsnamen oder Flussnamen, die aus politischen und ideologischen Gründen oder aufgrund redaktioneller Vorgaben etwa in Reiseführern oder in der Presse bei der Übersetzung von Texten in einer bestimmten Form verwendet werden.

Man könnte annehmen, dass Personennamen in diesem Themenkomplex keine Rolle spielen, da sie als beurkundete Sprachzeichen festgelegt und unveränderlich sind (aus einem Herrn Churchill kann nur im literarischen Text und nur bei so genannter „einpassender Übersetzung“ ein Herr Kirchhügel werden). Tatsächlich ist aber festzustellen, dass es etwa in zweisprachigen Regionen durchaus üblich sein kann, den eigenen Namen je nach der gerade verwendeten Sprache in der einen oder der anderen Sprache zu gebrauchen.

Ist es bei der Übersetzung von Sachtexten in vielen Sprachen wie im Deutschen heute nur noch bei sehr wenigen modernen Namen – etwa Namen von KönigInnen, Päpsten usw. – üblich, Personennamen an die Zielsprache anzupassen, werden als Relikt aus der Vergangenheit in vielen Sprachen noch immer Namen historischer Figuren angepasst (und so wird aus Albrecht Dürer im Spanischen noch immer Alberto Durero oder aus Jules Verne das spanische Julio Vernes, und vor allem bei den Beinamen berühmter Persönlichkeiten sind in vielen Einzelsprachen eigene Varianten zu finden, cf. russ. Iwan Grosny vs. dt. Iwan der Schreckliche). In literarischen Übersetzungen dagegen kommt es immer wieder zu Anpassungen von Namen an die Zielsprache, häufig sogar um wörtliche Übersetzungen von Personennamen.

Es ist im Zusammenhang mit der Frage nach Namen in der Übersetzung noch eine ganze Reihe weiterer Namenarten zu berücksichtigten, die in der internationalen Kommunikation eine Rolle spielen. In erster Linie sind hier die Waren- bzw. Produktnamen zu nennen, die spätestens seit der Veröffentlichung von Platen (1997) – der auf das Potential von Missverständnissen und Fehlern bei der Übersetzung von Warennamen in der rasch wachsenden globalisierten Welt aufmerksam machte – auch in den Fokus der Namenforschung geraten sind. Wie Platen schon damals hervorhob, ist die Verbreitung von Produkten längst nicht mehr an Ländergrenzen gebunden und der Absatz von Markenwaren erfolgt in der Regie multinationaler Holdings nicht selten rund um den Erdball. Das Global Branding – im Sinne der Etablierung von weltweit anerkannten Marken – ist „der kommerzielle Mythos unserer Zeit und in Produzentenaugen zur magischen Formel modernen Marketings“ geworden (Platen 1997: 147). Absatzwirtschaftliche Überlegungen und gezielte Namenstrategien, die von professionellen Firmen geprüft werden, führen auch hier zu Namenübersetzungen, zu Mehrsprachigkeit bzw. zielsprachigen Adaptionen. Diese Prozesse bzw. Verfahren des Produktnamentransfers wurden besonders von Botton/Cegarra (1990) beschrieben.

Mit Blick auf die literarischen Namen, die praktisch das gesamte Spektrum von Namenarten umfasst, soll von einer Zusammenschau der entsprechenden Arbeiten in der Übersetzungswissenschaft und den Ergebnissen der Literarischen Onomastik profitiert werden, die das breite Spektrum literarischer Funktionen und literarischer Namentypen beschreibt. Hier stellt sich insbesondere die Frage, inwiefern die übersetzungswissenschaftlichen und onomastischen Erkenntnisse in der Praxis der Übersetzung von Eigennamen in Literaturübersetzungen Widerhall finden.

Workshop: Zeitschriftenrankings im Bereich der Translatologie

Die Problematik der relativ niedrigen Bewertung von einschlägig translatologischen Publikationen in den gängigen – geisteswissenschaftlichen – Rankings ist bekannt. In der Arbeitsgruppe soll betrachtet werden, wie ein translatologisches Ranking erstellt und gegenüber den Institutionen durchzusetzen und überzeugend zu rechtfertigen ist.

letzte Änderung: 14.10.2016