Aguirre 2016

Das internationale Erbe José Antonio Aguirres: Der Beitrag der baskischen Exilgeneration zur Konstruktion eines demokratischen Europas.

The international legacy of José Antonio Aguirre. The contribution of the Basque exile generation to the building of a democratic Europe.

31. Mai bis 2. Juni 2016

Zentrales Kongressthema und Hintergrund

Zentrales Thema der wissenschaftlichen Tagung Das internationale Erbe José Antonio Aguirres: Der Beitrag der baskischen Exilgeneration zur Konstruktion eines demokratischen Europas ist eine integrative Herangehensweise an das Erbe Aguirres, eine moderne Betrachtung der europäischen und universellen Dimension der Figur des ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Baskenlandes, seiner persönlichen und institutionellen Verbindungen und seiner politischen, sozialen und kulturellen Überzeugungen und Denkansätze.

Der Staatsstreich faschistischer Gruppierungen unter Francisco Franco und anderen Generälen im Juli 1936 war der Auslöser eines Bürgerkriegs, der sich schnell zu einer schnellen Abfolge grauenhafter Kämpfe, Gemetzel und Verfolgung führte, die Spanien bis weit über das Ende des Bürgerkrieges 1939 hinaus geißelte und das Land materiell und ideell in Schutt und Asche legte und die so genannte 2. Spanischen Republik (1931–1939) auslöschte. Im spanischen Baskenland waren die Kampfhandlungen schon früh in besonderem Maße von Brutalität und Massenmord geprägt, das bekannteste Ereignis aus deutscher Sicht ist hier sicherlich die Bombardierung von Gernika durch Bombergeschwader der deutschen Legion Condor und der italienischen Luftwaffe.

Die erste Regierung der 1936 im Rahmen der 2. Spanischen Republik gegründeten Autonomen Baskischen Gemeinschaft unter dem Präsident – baskisch Lehendakari – José Antonio Aguirre musste sich der Herausforderung durch die faschistischen Truppen schon sehr früh während des Bürgerkriegs stellen und die Angriffe der faschistischen Truppen auf dem baskischen Territorium zurückschlagen. Abertausende Personen, darunter eine Vielzahl von Zivilisten, verloren durch die Kampfhandlungen und Attentate ihr Leben, gut 150.000 Menschen flüchteten aus dem spanischen Baskenland, unter ihnen mindestens 32.000 Kinder und Jugendliche. Die Besetzung des französischen Teiles des Baskenlandes im Juni 1940 durch die Truppen des mit dem faschistischen Spanien alliierten nationalsozialistischen Deutschlands verursachte wiederum Tausende Todesopfer unter den republikanischen Kämpfern und den Zivilisten und führte zu einer Flüchtlingswelle, sowohl innerhalb Europas als auch nach Übersee, vor allem nach Mexiko.

Der erste Präsident des Baskenlandes, der Lehendakari José Antonio Aguirre (baskisch auch Agirre) (1904–1960), galt Zeitgenossen und Wegbegleitern als eine Person mit großem Charisma und besonderem politischen Talent; er bestätigte diese Sicht durch seine Rolle während dieser schrecklichen Zeit, als er fest an demokratischen Werten festhielt und in einem von diktatorischen Regimen beherrschten und zerfleischten Europa sein Leben dem Widerstand und dem demokratischen Aufbegehren widmete. Diese ungebeugte Haltung zwang ihn schließlich nach dem Einbruch der baskischen Linien und der Übernahme des Baskenlandes durch die Faschisten im Jahr 1937 ins Exil: Er gelangte über Katalonien und Frankreich nach Belgien, wo er weiter für die baskische Exilregierung tätig war. 1940, als das nationalsozialistische Deutschland auch in westeuropäischen Ländern einmarschierte, musste Aguirre in den Untergrund gehen. Mit gefälschten Papieren – er nannte sich nun Dr. Álvarez Lastra und fingierte, ein Rechtsanwalt aus Panama zu sein – flüchtete er in das nationalsozialistische Deutschland, wo ihn seine Verfolger am wenigsten vermuteten und wo er mehrere Monate im Untergrund überlebte. Eine lange Reihe anderer spanischer republikanischer Politiker erlebten das nationalsozialistische Deutschland als Insassen von Konzentrationslagern; nur wenige von ihnen, darunter der Präsident der spanischen Republik von 1936 bis 1937, Francisco Largo Caballero, der zwei Jahre im KZ Oranienburg interniert war, überlebten ihre erzwungenen Aufenthalte in Deutschland. Auch in dieser Zeit dokumentierte Aguirre seinen Alltag, seine Gespräche und zum Teil auch seine Kontakte in seinem Tagebuch. Aus Belgien reiste er zunächst nach Hamburg, von dort weiter nach Berlin, von wo aus er nach einiger Zeit nach Schweden flüchten konnte; schließlich gelang ihm die Überfahrt nach Südamerika, wo er nach gut 18 Monaten erstmals wieder unter seinem eigenen Namen in Erscheinung trat.

Seit langem sind die Begebenheiten auf der Flucht, die Aguirre selbst in einem Tagebuch dokumentierte, eines der Ziele der Aguirre-Forschung, die sein Leben und seinen Einsatz für seine politische Überzeugung in einer Vielzahl von Studien untersucht. Die baskische Exilregierung ist die einzige der Regierungen der Spanischen Autonomen Regionen, die die Zeit der Francodiktatur überdauerte und sich nicht, wie etwa die galicische oder katalanische Exilregierung, durch Tod der Politiker oder schlichten Mord der Führungsriegen auflöste. Wesentlichen Beitrag zur Kohäsion der baskischen Exilregierung leistete Aguirre, der bis zu seinem natürlichen Tod 1960 die Geschicke der baskischen Exilregierung bestimmte.

Schließlich konnte er 1942 in die Vereinigten Staaten reisen und ließ sich in New York nieder, wo er einige Jahre als Gastdozent im Bereich Geschichte und Politikgeschichte an der Columbia University arbeitete. In seiner Lehre setzte er sich mit Demokratieverständnis, Freiheit, Bürgerrechten, Friedensforschung und Toleranz auseinander und setzte seinen Fokus insbesondere auf die Christdemokratie. Intensiv setze er sich weiter gegen den Faschismus in Europa und in seiner Heimat ein; ab 1945 setzte er seine Bemühungen für die Demokratisierung Europas fort. Er warb beständig intensiv für die Förderung eines neuen politischen Systems in Europa, das auf dem Willen des Volkes und gemeinsamen europäischen Werten basieren sollte, gewissermaßen als Vorläufer des Gemeinsamen Europäischen Marktes und der heutigen EU. In den 1950er Jahren kehrte er nach Europa zurück, wo er weiter für die Demokratisierung Europas arbeitete. Er ließ sich in Paris nieder, wo die baskische Exilregierung nun ihren Sitz hatte. Auch in den letzten Jahren seines Lebens engagierte er sich stark für die christdemokratische Arbeit. Die Baskische Nationalpartei (PNV), deren Vorsitzender Aguirre war, gründete gemeinsam mit den deutschen Christdemokraten und anderen europäischen christdemokratischen Parteien den Bund Nouvelles Equipes Internationales, die heute als Ursprünge der Europäischen Volkspartei angesehen werden. Im Kontext der Neuordnung der europäischen Landkarte und in den ausgehenden 1940er und den frühen 1950er Jahren und der Ausbildung neuer europäischen Institutionen arbeitete die von der PNV geführte baskische Exilregierung unter ihrem Vorsitzenden Aguirre mit anderen christdemokratischen Parteien auch in der europäischen föderativen Bewegung zusammen.

Diese von Initiativen in Belgien und Frankreich ausgehend begründete Gruppe hatte es sich zum Ziel gesetzt, dauerhaften Frieden in Europa zu ermöglichen, den Expansionismus der Sowjetunion zu bremsen und christdemokratisch eingestellte Menschen und Gruppierungen zu vereinen, um gemeinsam für diese Interessen zu arbeiten. Damit ist Aguirre, gemeinsam mit Persönlichkeiten wie Robert Schuman, Georges Bidault, Alcide de Gasperi oder Konrad Adenauer, ein wesentlicher Motor der Europäischen Einigung, der Schaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), der aus dieser hervorgehenden Europäischen Gemeinschaft (EG) und schließlich der wiederum an Stelle letzterer tretenden Europäischen Union (EU). Im Exekutivkomitee der Nouvelles Equipes Internationales war Aguirre Vizepräsident neben dem Vorsitzenden, dem ehemaligen belgischen Ministerpräsident Paul Van Zeeland.

Das Leben und die Arbeit Aguirres sind immer wieder Ziel wissenschaftlicher Studien gewesen, die sich bemühten, über die Aussagen aus den Aufzeichnungen Aguirres hinausgehend seinen Einfluss auf die europäische Demokratie und Christdemokratie zu erhellen. Ging es einerseits in vielen Arbeiten um die Untersuchung seiner wesentlichen Rolle für die Demokratisierung des Baskenlandes, ist andererseits die internationale Dimension seines Wirkens – angesichts seiner Arbeit sowohl in mehreren amerikanischen Staaten, vor allem den USA, und in Europa – eines der Hauptanliegen der Aguirre-Forschung. Noch immer gelten jedoch viele Einzelaspekte und Detailfragen als zu wenig beleuchtet und es wird das Fehlen einer Gesamtschau bzw. der Verknüpfung der in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen – Geschichte, Politikwissenschaft, Friedensforschung usw. – erreichten Ergebnisse beklagt. Jüngeren Datums sind auch die Detailstudien der Korrespondenz Aguirres, etwa seines Briefwechsels mit Manuel Irujo, dem Stellvertretenden Lehendakari der baskischen Exilregierung. Wenngleich viele Facetten noch zu analysieren bzw. zusammenzubringen sind, so ist sich die Wissenschaft doch einig, dass José Antonio Aguirre und sein Erbe einer der wichtigsten Bausteine der kollektiven baskischen Erinnerung und Identität  darstellt. Insbesondere ist Aguirre eine der wenigen politischen Persönlichkeiten, über den es in der modernen baskischen Gesellschaft keine ideologisch begründete Polemik oder Streitigkeit gibt. Seine politischen Visionen für seine Heimat verorteten das Baskenland stets in einem europäischen Europa; dies gilt als wichtigstes Erbe Aguirres, das den Basken in den modernen politischen Debatten stets als mahnendes Moment im Bewusstsein geblieben ist.

2016 jährt sich der Aufenthalt Aguirres in Deutschland während seines langen und schwierigen Exils zum 75. Mal. Dies zum Anlass genommen soll der Kongress Das internationale Erbe José Antonio Aguirres: Der Beitrag der baskischen Exilgeneration zur Konstruktion eines demokratischen Europas das Erbe Aguirres und seiner Exilregierung bei der Entstehung eines demokratischen Europas beleuchten.

Ablauf des Kongresses

31. Mai 2016
Anreise und kulturelle Veranstaltung; weitere Informationen in Kürze

1. Juni 2016
Humboldt-Universität zu Berlin

09:30 UhrVorstellung und Begrüßung
Carsten Sinner, Universität Leipzig
Mari Jose Olaziregi, Universidad de País Vasco/Euskal Herriko Unibertsitatea und Baskisches Institut Etxepare
Xabier Irujo, University of Nevada, Reno
09:45 Uhr Francoist assault on the Basque Country: Repression of Nationalists and Priests.
Paul Preston, London School of Economics
10:45 Uhr

Organization and Early Application of Repressive Measures.
Joan Villarroya, Universitat de Barcelona

11:45 Uhr

Aguirre: A President Hunted by the Dictatorships.
Nicholas Rankin, Autor und Produzent

13:00 UhrMittagspause
14:15 UhrThe Basque Government and the Vatican.
Hilary Raguer i Suñer, Historiker, Kloster Montserrat
15:15 UhrGenocide in the Basque Country (1936-1945).
Xabier Irujo, University of Nevada, Reno

2. Juni 2016
Humboldt-Universität zu Berlin

ganztägig Vorträge

Anmeldung und Call of Papers

Anmeldung

Bitte melden Sie sich per E-Mail mit dem Betreff Aguirre 2016 an die Adresse  ialt(at)uni-leipzig.de und in Kopie an unai.lauzirika_amias(at)uni-leipzig.de an und übermitteln Sie folgende Angaben:

  • Vollständiger Name
  • Adresse
  • E-Mail-Adresse
  • Universität/Arbeitsstelle

Call of Papers

Zu folgenden Themen werden bis zum 19. Februar 2016, 12:00 Uhr, Vortragsvorschläge für die Sitzung am 2. Juni 2016 akzeptiert:

  • Einfluss des Exils und der internationalen Diplomatie auf die Arbeit der baskischen Exilregierung im Allgemeinen und Aguirres im Speziellen;
  • Auswirkungen und Reichweite der Repressionen durch die Achsenmächte auf das baskische Volk und Positionierung und Reaktion der baskischen Exilregierung im Allgemeinen und Aguirres im Speziellen;
  • Rolle Aguirres und Beitrag der baskischen Regierung zur europäischen Einigung und zum Demokratisierungsprozess;
  • Internationale Beziehungen der baskischen Exilregierung und Bedeutung der Figur Aguirres für die Initiierung oder Ausgestaltung dieser Beziehungen;
  • Rolle Aguirres in den persönlichen und institutionellen Beziehungen mit der BRD, insbesondere den Vertretern der christdemokratischen Parteien wie Konrad Adenauer, sowie Zusammenspiel der Figuren Aguirre, Adenauer und Schuman in der Herausbildung der europäischen Christdemokratie.

Bitte schicken Sie Ihre Vorschläge (Abstract in Deutsch oder Englisch, 2500 Zeichen mit Leerzeichen, pdf- oder doc-Format) per E-Mail mit dem Betreff Aguirre 2016 an die folgende Adresse: ialt(at)uni-leipzig.de und in Kopie an unai.lauzirika_amias(at)uni-leipzig.de.

Veranstaltungsort

Informationen zur Anreise an die Humboldt-Universität zu Berlin

Anschrift:
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Nahegelegene Haltestellen:
Zug/S-Bahn: Bahnhof Berlin Friedrichstraße (S1, S2, S5, S7, S25, S75)
U-Bahn: Französische Straße (U6), Friedrichstraße (U6)
Bus: Staatsoper Berlin (100, 200, TXL)

Routenplaner

letzte Änderung: 03.08.2016